Mit Frontantrieb ins Seniorenheim

Was zunächst als „normale Hundehaltung“ begann, ist zwischenzeitlich zu einem festen Programmpunkt in einem Seniorenheim geworden.

 

Anne und Renate Melchior, Gründungsmitglieder des 03.2006 ins Leben gerufenen Tierschutzvereins Scotty’s Freunde e.V. mit angeschlossener Igelstation, gehen seit März 2012 mit ihren behinderten Hunden in das Kreisaltenpflegeheim in Winsen/Aller. Renate Melchior hatte dort in den 80er Jahren den (damals tierlosen) Besuchsdienst eingeführt und da nun geeignete Hunde zur Verfügung standen, wurde das Gespräch mit der neuen Heimleiterin gesucht. Sie war sofort von der Idee begeistert und so fand der erste Besuch bereits Mitte März 2012 statt.

 

Zunächst nur mit Stella. Die kleine ca. 4jährige Pinschermix-Hündin wurde am Straßenrand gefunden nachdem sie von einem Auto angefahren und schwer verletzt worden war. Ihre Wirbelsäule ist gebrochen, ebenso ihr Becken und die Rute. Stella hatte das Glück von engagierten Tierschützern aufgenommen zu werden und fand ihren Weg nach Deutschland in eine Pflegestelle. Am 15. Januar 2012 zog sie bei den Melchiors ein. Stella’s Hinterbeine waren durchweg steif, sie hatte zuweilen ihre Mühe sich fortzubewegen, weil ihre Hinterbeine ihr ständig im Weg waren und es war überhaupt nicht daran zu denken, sie in dem Zustand in einen Hunderollwagen zu setzen. Sie weigerte sich schlicht, auch nur einen einzigen Schritt im Rolli zu laufen. Aber das kleine Hundemädchen freut sich des Lebens und alleine das war Grund genug, nach Lösungen zu suchen. Es begann ein Marathon an Tierarztbesuchen, aber kein einziger Tierarzt wollte Stella helfen, indem er ihre Hinterbeine operierte. Im August 2012 blieb Stella wieder einmal mit den Hinterbeinen hängen und brach sich das rechte Sprunggelenk. Schmerzen spürte sie zum Glück nicht, denn ihre Hinterbeine waren komplett gefühllos. Auch der Sprunggelenkbruch war für keinen Tierarzt Grund genug, dem kleinen Hund endlich zu helfen. Durch einen glücklichen Umstand wurde Anfang 2013 dann aber doch eine Klinik gefunden die half, Stella ist nun als Zweibein unterwegs und kommt damit bestens zurecht. Sie ist jetzt weitaus lebhafter und aktiver. In einem Übergangsrolli läuft sie bereits mit viel Spaß kurze Strecken mit. Es wird zur Zeit an einem speziell angepassten Rollwagen gebaut.

 

Im Mai 2012 zog eine weitere Hündin ein. Vita war ebenfalls als Straßenhund angefahren und verletzt ihrem Schicksal überlassen worden. Auch sie fand ihren Weg über engagierte Tierschützer nach Deutschland. Vita ist ca. 1,5 Jahre alt, ihre Wirbelsäule ist gebrochen. Sie hat allerdings Gefühl in ihren Hinterbeinen und kann teilweise arg wackelig auf allen vieren stehen. Ohne Rolli wird sie aber nie laufen können. Nachdem Vita ihren Tierarztcheck hinter sich hatte, konnte auch sie an den Besuchen im Seniorenheim teilnehmen. Da sie mehr als doppelt so groß ist wie Stella, hat sie die ideale Größe um leicht erreichbar neben einem Rollstuhl zu stehen. Sie hat im letzten Jahr einen gebrauchten Rollwagen geschenkt bekommen und nimmt an langen Spaziergängen teil.

 

Vor und im Haus sind diverse Dinge von den Hunden zu meistern, so z.B. Gitterroste, automatisch öffnende Türen oder der Fahrstuhl. Auch wenn Vita den Fahrstuhl anfangs etwas zögerlich betrat, kommen sie mit allem problemlos zurecht.

Im Februar 2013 kam ein dritter behinderter Hund dazu, der ebenfalls nach dem Tierarztcheck das Besuchsteam verstärken durfte. Blümchen ist ein ca. ¾ Jahr alter Cocker-Mix Rüde, der von seinem ehemaligen Herrchen verprügelt worden war. Seine Wirbelsäule ist nicht gebrochen, wahrscheinlich ist jedoch das Rückenmark in Mitleidenschaft gezogen worden. Seine Hüfte ist beidseitig „unreparierbar“ aus den Pfannen raus, sein Becken ist zertrümmert und beide Hinterbeine waren mehrfach gebrochen. Der junge Rüde hat keine Schmerzen, keinerlei Gefühl in den Hinterbeinen gehabt und er konnte sie in keinster Weise nutzen. Verletzungen an den Hinterbeinen waren an der Tagesordnung. Letztendlich wurden sie ihm amputiert und seitdem kommt er verletzungsfrei klar. Er hat einen Rollwagen, mit dem er sich wie ein geölter Blitz Wettrennen mit den anderen Hunden liefert. Da er aber noch nicht ausgewachsen ist, nimmt er noch nicht an den ganz langen Spaziergängen teil. 

 

Im Heim geht es zunächst in den Flurraum, von dort in den Gesellschaftsraum, in dem die Gymnastikstunde stattfindet oder gerade beendet wird. Die Hunde teilen sich unter den Bewohnern auf, sie bewegen sich frei im Raum und eilen zu dem Bewohner, der sie gerade ruft oder seine Hand zum Streicheln aushält. Dabei achten sie stets darauf, daß sie niemanden umlaufen oder rempeln. Bei Blümchen fehlt es noch ein wenig an Übung, aber das wird mit der Zeit und übel nimmt es ihm niemand. Nach der Runde im Gesellschaftsraum geht es auf die Zimmer, um einzelne Bewohner zu besuchen. Bei bettlägerigen Bewohnern darf Stella mit auf das Bett und genießt die Kuscheleinheiten ebenso sehr wie die Bewohner selbst. Im Obergeschoß laufen sie die Gänge entlang und schauen, wo jemand ist, der sie knuddeln möchte. Auch die Angehörigen von Bewohnern schätzen den Besuch des tierischen Trios sehr. In manch einem Zimmer verweilen wir länger. Bei schönem Wetter sitzen einige Bewohner auf dem Balkon, genießen die Sonne und die warme Luft. Dort laufen die Hunde dann auch von Bewohner zu Bewohner die gesamte Balkonlänge auf und ab, und lassen auch eine offene Zimmertür nicht aus, um den ein oder anderen Bettlägerigen zu besuchen.

 

Alle drei Hunde kommen aus Südosteuropa.

 

Aufgrund ihrer massiven Verletzungen hat das Trio keinerlei Kontrolle über Urin und Kot. Im Haus tragen sie Kinderwindeln, darüber eine Kinderhose. Da das Windel-Hosen-Duo sich bei den aktiven Hunden ganz fix über die beneidenswert schlanken Taillen verabschiedet, hat Anne Melchior für jeden Hund ein Windelhaltergeschirr genäht.

 

"Daneben“ kann trotz der Windeln immer mal was gehen, denn die Hunde sind sehr aktiv. Trotzdem haben sie kein „Körbchenarrest“, damit das Haus sauber bleibt, sondern sie bewegen sich selbstverständlich vollkommen frei. Da wird mit den Hauskatzen gespielt oder gekuschelt, oder auch mal den Kaninchen das Futter geklaut.

 

Die Hunde werden mehrmals am Tag frisch gewickelt, bei passendem Wetter dürfen sie im Garten oder auf den Spaziergängen auch ohne Windel sein. Da Rüden anatomisch bekanntlich ein wenig anders gebaut sind als Hündinnen, trägt Blümchen zudem eine Rüdenwindel. Täglich wird das Hinterteil gewaschen, denn Sauberkeit ist oberstes Gebot. Inkontinente Tiere neigen schon mal zu Blasenentzündungen, deshalb werden die Blasen der drei auch täglich ausmassiert. Zwar erhalten sie keine professionelle Physiotherapie, aber alle drei werden regelmäßig massiert, was ihnen gut tut.

 

Auf Leckerchen wird im Seniorenheim bewusst verzichtet, denn die Hunde sollen sich nicht auf Leckerchen freuen, sondern auf den Kontakt mit den Bewohnern. Und das tun sie ganz gewiss, die Begeisterung über die wöchentlichen Besuche ist auf beiden Seiten groß.

 

Sind die Hunde zuhause schon mal frech oder extrem wild, so ist es ein Wunder, wie sie sich im Seniorenheim zeigen, man erkennt sie kaum wieder. Blümchen hat seinen Rollwagen noch nicht so lange, er fährt ab und zu noch über einen Fuß oder nimmt die Zimmerecke mit, weil er die Kurve schneidet. Aber in der kurzen Zeit, in der er mit im Team ist, hat er ganz schnell gelernt, sich den Möglichkeiten der Bewohner anzupassen. Vita ist gerne extrem schnell unterwegs. Kommt ihr aber jemand entgegen oder geht unverhofft eine Tür auf, legt sie eine filmreife Vollbremsung hin und achtet ganz genau darauf, daß sie niemandem im Weg steht. Stella ist z.Zt. noch ohne Rollwagen unterwegs, erst wenn sie ihr angepasstes Modell hat, wird auch sie im Seniorenheim auf Rädern zu sehen sein.

 

Mit im Gepäck ist stets eine Tasche mit Ersatzwindeln und Überhosen, sowie einer Decke für die Betten. Schon beim Packen der Tasche ist das Hundetrio ganz aus dem Häuschen und kann es nicht abwarten bis sie alle im Auto verstaut sind und es wieder los geht ins Seniorenheim.

Anne und Renate Melchior freuen sich immer über Erfahrungsaustausch mit anderen Haltern behinderter Hunde (egal um welche Behinderung es sich handelt) und stehen gerne mit Rat und Tat zur Seite wenn sich jemand unschlüssig ist ob er einem behinderten Hund gerecht werden kann und/oder wie (z.B. mit welchen Hilfsmitteln) er seinem behinderten Hund helfen kann. 

Was Anne und Renate Melchior mit den Besuchen im Seniorenheim bezwecken? Zweierlei. Sie möchten zeigen, wie wichtig der Kontakt zu Tieren auch gerade für Senioren ist. Die Besuche sind eine willkommene Abwechslung und auch Bewohner die eher von zurückgezogenem Gemüt sind, öffnen sich nach kurzer Zeit den Tieren und oft auch anderen Menschen gegenüber.

 

Auch ein nicht ausgebildeter Hund kann ein wunderbarer „Laien-Therapiehund“ sein. Es gehört aber „etwas“ mehr dazu als nur das passende Wesen des Hundes. Der Hundeführer hat in dem Moment nicht nur eine Verantwortung für den eingesetzten Hund, sondern auch den Bewohnern gegenüber. Beide – Hund und Bewohner – sollen an den Besuchen Spaß haben.

 

Auch ein behinderter Hund ist ein ganz normaler Hund. Er muß erzogen werden und verlangt nach Auslastung und Beschäftigung. Mitleid ist ein falscher Berater. Wenn man einen behinderten Hund bei sich aufnimmt muß man sich bewusst sein, daß dieser Hund bis an sein Lebensende besondere Versorgung braucht, abgestimmt auf seine Behinderung. Keinesfalls darf er in Watte gepackt werden, nur weil er ein Handicap hat. Im Hause Melchior leben weitere behinderte Tiere, z.B. ein jetzt ca. 8jähriger dreibeiniger Kater (er verlor nach einem Autounfall ein Vorderbein, sein ehemaliges Herrchen wollte ihn daraufhin nicht mehr) ein jetzt 2jähriger blinder Kater (als Streuner geboren, mussten ihm im zarten Alter von 8 Wochen beide Augen nach einer massiven Katzenschnupfenerkrankung entfernt werden) und ein jetzt 10jähriger Kater, dem durch eine eitrige Entzündung im Welpenalter eine Schulter zerfressen wurde. Alle drei Kater kommen bestens mit ihren Handicaps zurecht, das Dreibein ist sogar Freigänger.

 

Quelle:  www.igelstation-meissendorf.de/index.html
Tierschutzverein Scotty's Freunde e.V.& Igelstation Meißendorf

 

In eigener Sache:
Blümchens (vormals Olive) Geschichte und die Geschichten weiterer behinderter Tiere finden Sie hier.

 

Mai 2014: dieser Fernsehbericht ist absolut sehenswert!

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